Deutschland ist ein Sperrmüll-LandRock & Pop/ Interviews Interview mit John Barrie Dyke, Frankfurt, 11.02.2010 John Barrie Dyke ist Schlagzeuger, Sänger und Kopf von Dyko. Das elektronische Musikprojekt wurde 2003 in Frankfurt am Main gegründet, der Wahlheimat von John Dyke. Eigentlich ist er Australier, aufgewachsen in Melbourne, lebt aber bereits seit den neunziger Jahren in der Main-Metropole. Von dort startete er seinen musikalischen Streifzug durch die Welt, der mittlerweile fast 30 Länder umfasst, alle sorgsam mit Stecknadeln auf einer Weltkarte in seinem Büro markiert. Genau dort traf sich John Barrie Dyke mit Bernd Brüggemann von Austrade zu einem Gespräch über Heimat, Australien, Deutschland und die Kultur dieser Länder. Diese ist auch eines der Lieblingsthemen des Künstlers, der seit einigen Jahren Konzerte unter der Schirmherrschaft des Goethe-Instituts spielt und gerne als eine Art elektronischer Kulturbotschafter Deutschlands eingesetzt wird.
Austrade: Bist Du John oder bist Du Dyko?
John Barrie Dyke: Beides eigentlich. Mein Spitzname in Teenager-Zeiten war Dyko. Ein ganz toller Musiker namens Bruno Adams, der leider im vergangenen Jahr in Berlin gestorben ist, lebte damals in meiner Stadt. Und ich ging, als ich 13 oder 14 Jahre alt war, öfters aus meinem Vorort in die Stadt um mich da weiter zu bilden. Mit ihm war ich eng befreundet. Damals waren dort viele wilde Partys und eine ganz tolle Szene. Bruno jedenfalls hat mir damals den Namen Dyko gegeben. „Dyko from Planet Croydon“, weil mein Vorort fast wie Planet war. Also, ich bin Dyko. Aber Dyko ist eben auch der Name meines Musikprojekts. Da dann zusammen mit meinem Songwriter und Live-Partner Christofer Jost.
Austrade: Also hörst Du auf beide Namen?
John Barrie Dyke: Ja, klar. Aber es ist komisch: Ich sehe mich nicht mehr als Dyko, weil seitdem schon so viele Jahre vergangen sind. Ich heiße John. Aber wenn ich nach Berlin gehe, in diese alte australische Clique, die noch da ist, dann sagen die ‚Hey, Dyko, wie geht’s Dir?‘ und ich denke mir ‚Wieso nennen die mich Dyko? Das ist ein Bandname!‘ Aber für die bin ich Dyko – der Typ mit der Musik.
Austrade: Wir haben eben schon über Melbourne geredet. Wenn das weiter so geht, dann wohnt da ja bald keiner mehr – die sind dann alle in Berlin.
John Barrie Dyke: So fühlt sich das manchmal an, aber da sind noch einige übrig geblieben. Die Szene ist nach wie vor sehr aktiv. Das ist eine ganz tolle Stadt zum musizieren und kreativ sein. Und natürlich zum leben. Aber jeder, der mich auf meinen Reisen angesprochen hat, spricht von Berlin. Kaum jemand mehr von New York oder London.
Austrade: Du bist aber irgendwann mal von der sehr kreativen Stadt Melbourne in die Banken-Stadt Frankfurt gegangen. Warum das?
John Barrie Dyke: Das war auch aus privaten Gründen. Die Musikmesse war ja auch hier. In den ersten Jahren war ich im Hochsauerland, im Rothaargebirge. Sieben Jahre lang war ich in Bad Berleburg-Aue. Ein Ort mit 2000 Einwohnern. Ich habe bei Sonor gearbeitet, als Product Manager und International Artist Relations Manager. Sonor ist eine der bekanntesten und renommiertesten Schlagzeugfirmen. Ich wollte unbedingt für die arbeiten. Deshalb bin ich nach Deutschland gekommen. Eigentlich hatte ich gar kein Interesse an der deutschen Kultur oder Sprache. Nur die Firma, ihre Philosophie und die Liebe zum Produkt haben mich so überzeugt, dass ich unbedingt nach Deutschland wollte. Erst dann habe ich entdeckt, wie sehr ich mich in die Sprache und die Kultur verliebt habe.
Austrade: Wie alt warst Du als Melbourne verlassen hast?
John Barrie Dyke: 21, vielleicht 22...
Austrade: Hast Du denn da schon Leute in Deutschland gekannt?
John Barrie Dyke: Nein, ich kannte niemanden. Ich bin mit einem One Way Ticket nach Deutschland geflogen. Ich hatte einen Rucksack dabei und hatte 3.000 Mark gespart. Ohne Job, ohne alles. Die wollten mir zuerst keinen Job geben, also habe ich mir ein Zimmer genommen und gewartet, bis sie mir einen Job gegeben haben. Und es war erfolgreich. Das ist der typische australische Pioniergeist: Lass uns einfach losgehen und anfangen!
Austrade: Und Du hast seitdem „vergessen“ zurück zu fliegen?
John Barrie Dyke: Ich pendele zwischen Australien und Deutschland.
Austrade: Du kommst jetzt gerade aus Australien, machst Zwischenstopp in Frankfurt. Dann kommt eine College-Tour durch die USA, bevor es nach Tadschikistan und Usbekistan geht. Beides keine Länder, die auf normalen Tourneeplänen weit oben auftauchen...
John Barrie Dyke: Ja, ich bin auch schon ganz aufgeregt. Es kann nicht fremd genug werden für mich. Ich war mit Dyko in den letzten Jahren schon in über 28 Ländern, privat waren es 42. Ich bin schon ein bisschen bereist und der Überraschungseffekt wird weniger.
Austrade: Die Länder müssen also extremer werden, um Dich noch zu beeindrucken?
John Barrie Dyke: Ja, genau. Damit ein bisschen mehr Reiz da ist!
Austrade: Gibt es denn im Umkehrschluss auch Länder, die Dich langweilen? Länder, wo Du von vorneherein wisst, dass Du da nicht hinreisen möchtest?
John Barrie Dyke: Nein, ich bin da immer sehr offen. Ich hab jetzt nicht den großen Bedarf, mich in den angelsächsischen Raum zu vertiefen. Man hat ja da genug auch an Kindheitserfahrungen. Aber die Akzeptanz für Dyko ist in Nordamerika am besten. Also, was will man machen?
Austrade: Menschen, die Musik machen, sind ja oft sehr genaue Beobachter. Sie saugen alles Mögliche in sich auf und daraus entsteht dann neue Musik. Bist Du auch so einer?
John Barrie Dyke: Ja, ich bin, wie viele Künstler, eine sehr empfindliche, empathische Person. Ich nehme mein Umfeld sehr genau wahr. Ich liebe Deutschland sehr, die deutsche Kultur, die deutsche Sprache. Und ich liebe Australien sehr. Und durch das genaue Beobachten sehe ich in beiden Ländern die Vorteile, aber auch das Potenzial für Verbesserungen. Dyko beschäftigt sich mit dieser wunderbaren Sprache Deutsch und mit Beobachtungen in Deutschland. Aber natürlich auch mit ganz normalen emotionalen Themen.
Austrade: Aber auch für die muss man genau beobachten. War das bei Dir immer schon so? Warst Du früher in der Schule auch schon einer von den ganz empfindlichen?
John Barrie Dyke: Ja, auf jeden Fall. Australien ist ja eine sehr auf Macho-Sport aufgebaute Gesellschaft. Und da habe ich meinen Platz in der Kunst- und Kulturszene der Stadt gefunden. Das war die Szene, in der sich Leute wie Ollie Olsen oder Nick Cave aufgehalten haben. Ich habe neulich diesen Film gesehen, „Dogs in Space“. Ich nehme diesen Film nicht so ernst, es ist ein schöner Film von einem Haus in der Zeit. Aber was wichtiger ist, ist die Dokumentation, die dabei war, „I’m living on dogfood“. Und da wurde mir sehr klar, warum ich aus diesem Vorort heraus wollte. Auch als ich jetzt wieder bei meinen Eltern war, wusste ich wieder, warum ich aus dem sicheren, normalen Vorstadthaushalt raus wollte in die Stadt um etwas zu sagen. Ich und die und wir alle wollten sagen ‚Nein! So nicht!‘ Auch wenn ich Euch gerne und lieb habe und die gerösteten Kartoffeln am Sonntag sind auch gut und schön, Mutti. Aber diese Wertstellung ist nicht unbedingt korrekt. Daraus entstand in Melbourne meines Erachtens nach eine ganz tolle Punk-Szene, die gleichwertig war mit der in London, wenn nicht sogar teilweise besser. Es hat da unten einen ganz komischen Dreh gehabt, aber nicht das Marketing. Und das sind meine Wurzeln.
Austrade: Jetzt hast Du so von Melbourne und der Energie dieser Szene geschwärmt. Die Banken-Stadt Frankfurt hat diese Energie nicht?
John Barrie Dyke: Ich finde das Menschenbild, diese Bänker, das Schickimicki und so weiter in Frankfurt ekelhaft. Als ich vor zehn Jahren hierher kam, war Sachsenhausen ein relativ bohèmer Stadtteil. Gerade seit der Krise ekelt mich Landschaft mittlerweile ein bisschen an. Aber ich will jetzt nicht auf Frankfurt schimpfen, weil ich eine ganz tolle Zeit hier gehabt habe und es gibt eine ganz tolle Szene hier, mit Ausgehen in Clubs und Musikern wie Sven Väth und wie die alle heißen. Aber ich fühle mich wohl, wenn ich in Berlin bin unter gleichgesinnten.
Austrade: Dann wäre es doch sinnvoll nach Berlin zu ziehen!
John Barrie Dyke: Das tue ich Ende des Jahres.
Austrade: Du kennst die deutsche Kultur und die australische und beobachtest beide sehr genau. Wo sind denn die Unterschiede?
John Barrie Dyke: Was ich an Australien liebe, ist die Ausstrahlung und der aufgeschlossene, unkomplizierte Umgang. Die Natur ist unheimlich! Die Vibrations und die physische Energie von diesem Land sind unschlagbar! Das bringt mich fast zum weinen, wenn ich da draußen bin. Ich frage mich immer, wenn ich im Busch bin, warum man nicht immer nur im Busch lebt. Ich mag die Spontaneität, die Umtriebigkeit, das hohe Selbstbewusstsein...
Austrade: Haben wir das in Deutschland nicht?
John Barrie Dyke: Nein! Wir in Deutschland haben eine bescheidene Selbsteinschätzung. Zu bescheiden, finde ich.
Austrade: Woher kommt das?
John Barrie Dyke: Aus der Geschichte, finde ich.
Austrade: Aber jemand, der heute zwanzig ist, hat von der Geschichte nicht unbedingt so viel mitbekommen.
John Barrie Dyke: Aber er ist hier sozialisiert worden. Der guckt das von den Eltern ab. Ich finde das in Australien ganz erfrischend. Der neigt dazu zu sagen ‚Hey, Australia is a great country, mate‘. Ich habe letztens einen tollen Bericht von Mark Seymour von den Hunters&Collectors gelesen. Er sagt: ‚Es ist zwar ein goldenes Land und das wissen wir alle. Aber es gibt viele andere tolle Kulturen, die sogar teilweise noch interessanter sind als unsere auf der Erde‘. Er sah auch Platz für Verbesserungen. Es gibt diese Sticker auf den Autos und den T-Shirts in Australien, wo draufsteht ‚If you don’t love it, leave it‘. Und das ist die Pistole auf die Brust gesetzt. Und weißt Du was? Ich habe das Recht, es nicht so zu mögen – ich will es ändern. Ich will es ändern, weil ich es liebe. Und das ist meine Devise mit Australien, das ist ein sehr emotionales Thema für mich. In Deutschland finde ich diese Bescheidenheit einerseits total erfrischend, andererseits ist es hier zu bescheiden. Es ist zu viel in die andere Richtung, leider. Einen gesunden Patriotismus sollte man mittlerweile auch hier haben. In Australien ist dagegen bei vielen Leuten einfach nicht akzeptabel, über dieses Land zu reflektieren oder es gar zu kritisieren.
Austrade: Überspitzt gesagt haben wir haben also auf der einen Seite ein Land, in dem alle alles toll finden. Auf der anderen Seite ein Land, in dem alle alles schlecht finden. Dazwischen stehst Du, der beiden Seiten sagt, dass die Mitte eigentlich das Beste wäre. Du bist also derjenige, der sagt ‚Hey, kommt zu mir!‘
John Barrie Dyke: Ich mache das für mich selbst!
Austrade: Aber heißt das nicht automatisch, dass Du Dich nirgendwo so richtig wohlfühlen kannst?
John Barrie Dyke: Ich muss da wahnsinnig diszipliniert sein. Ich darf ja nicht nach Hause gehen... Ich sage gerade ‚nach Hause‘ und meine Australien. Eigentlich bin ich letzte Woche nach Hause gekommen, also nach Frankfurt. Da merkt man es wieder. Ich habe zwei Mal Heimat. Deutschland ist meine Heimat, ganz klar. Manchmal mehr als Australien. Ich muss da aber ganz reif mit umgehen. Ich kann ja nicht nach Australien kommen und sagen, ‚das alles habe ich erlebt‘. Ich sage gar nichts mehr, ich versuche da, mich sehr bescheiden zu verhalten. In Deutschland ist das manchmal einfacher. Ich habe hier Äußerungsfreiheit und jeder hört mir zu und das ist gut so.
Austrade: Der Australier könnte an der Stelle sagen: ‚Dann bleib doch einfach in Deutschland‘...
John Barrie Dyke: Ja, warum reisen wir und verschmutzen die Welt mit Flugzeugen? Wir sollen ja auch etwas davon haben. Ich will nicht, dass es überall wie in Kensington aussieht, dass alles gleich aussieht. Der Mensch kann hoffentlich durch das Reisen einen positiven Lerneffekt erreichen und neue schöne Dinge kennenlernen. Und ich finde die Beziehung zwischen Deutschland und Australien eine ganz tolle. Australien ist sehr europäisiert, Deutschland ist ein sehr geistreiches Land. Es ist sehr gebildet, reflektiert und differenziert. Und diese Art und Weise von Beitrag zur australischen Gesellschaft würde ich mehr begrüßen. Die australische Art, dieser informelle Umgang, dieses seine eigene Welt kreieren können, die Spontaneität und Umtriebigkeit – das ist hier in Deutschland auch wieder mehr erwünscht.
Austrade: Kollektive Entspannung also, dann wären wir perfekt. Wie realistisch ist die Vorstellung?
John Barrie Dyke: Ich habe glaube ich so eine gewisse Deutschland-Romantik, so eine romantische Anschauung von Deutschland. Das mag ich auch, ich genieße das. Ich schalte heute das Radio an dann klingt es aus dem Lautsprecher „Deutschlandfunk“! Und ich sage zu mir selbst „Deutschlandfunk“ und ich habe Spaß an diesem Wort. Andererseits: Wenn ich im australischen Busch bin in irgendeinem alten Cafe und nach hinten auf die Toilette gehe und sehe einen alten Fussboden aus Holz, der seit 50 Jahren nicht geschliffen ist, dann habe ich auch fast Tränen in den Augen. Das ist für mich Australien! Da kann ich das Vegemite-Sandwich noch riechen!
Austrade: Das klingt jetzt nach Australien-Romantik.
John Barrie Dyke: Andererseits: Schau Dir diesen Rassismus an, der da unten herrscht! Da habe ich echt keinen Platz für. Australien ist halt nicht überwacht, wie ich es nenne. Es hat nicht diese Nachbarschaft, wie wir sie in Europa kennen. Da sitzt Dir dann sofort einer auf der Pelle, wenn Du etwas machst. In Australien sind die Nachbarländer so weit weg, dass das niemand kapiert. Ich glaube, diese internationale Aufmerksamkeit ist nicht unwichtig. Das kommt jetzt langsam, gerade von Indien aus. Das geht überhaupt nicht, dieses Penner-Verhalten, dieses verprügeln von Ausländern.
Austrade: Aber das haben wir hier in Deutschland auch.
John Barrie Dyke: Ja! Aber hier ist es ganz klar identifiziert. Ich will das auch in keiner Weise schönreden. Aber es kann nicht sein, dass hier in Deutschland immer sofort von Nazis geredet wird – und in Australien sind das dann halt ein paar Einzelfälle. Das sind auch Nazis! Das sind auch ganz schlimme Rassisten da.
Austrade: Kannst Du mit Deiner Musik etwas dagegen tun?
John Barrie Dyke: Ich hoffe! Ich habe vor, Workshops zu machen. Im australischen Busch möchte ich zu den Ureinwohnern gehen. Ich möchte mit den Kindern Songs auf Deutsch machen. Deutsch ist eine tolle Baukastensprache. Man kann einfach schnell einen Song mit denen zusammen basteln. Das würde ich einfach gerne als interkulturelle Aktion machen.
Austrade: Wo wir gerade bei Sprache sind: Auf dem Tisch, an dem wir sitzen, liegt ein Buch mit dem Titel ‚Das schönste deutsche Wort‘. Nicht ganz zufällig, denn Du bist ein großer Fan der deutschen Sprache. Was ist denn das schönste deutsche Wort?
John Barrie Dyke: Oh, viele! Fernweh, Zweisamkeit, Zeitlupe. Autobahnbegleitgrün ist auch ein schönes Wort. Oder Lebenslust.
Austrade: Das ist aber auch merkwürdig: Wir haben also ein Wort für Lebenslust, empfinden die aber Deiner Meinung nicht so häufig.
John Barrie Dyke: Nein! Ich glaube, man empfindet in Deutschland Lebenslust! Aber Spaß und Freizeit ist ein System in Deutschland, es ist geplant. Es gibt Karneval und Schützenfeste, da gehen alle aus sich heraus. Hey, when Germans have fun they do it properly! Was ich meinte: Der Alltag in Australien ist leichter. Aber dahinter steckt eine sehr strenge Gesetzgebung, eine Polizeipräsenz und eine sehr konservative engstirnige Haltung.
Austrade: Sprich: Die Deutschen sind etwas spießig, aber die Australier haben die Gesetze dazu?
John Barrie Dyke: Spießer hasse ich. Nein, ich hasse sie nicht, aber ich finde sie furchtbar. Ich erzähle Dir einmal ein typisches Beispiel: In Deutschland gibt es phantastischen Sperrmüll. Hier in meinem Büro ist ganz viel vom Sperrmüll. Die Stühle standen bei der Stadt Frankfurt. Sperrmüll! Sie haben einen Riss in der Armlehne. Deutschland ist ein Sperrmüll-Land, das ist toll! Das Problem Nummer Eins für einen Künstler oder Lebenskünstler wie mich ist dann logisch: Ein zu voller Keller! Du gehst mit neuen Sachen in Keller, aber Du kannst nichts mehr hineinstellen, weil alles schon voll ist. Also lässt Du die Sachen vor der Kellertüre stehen. Genau da, wo es nur Dich selber stört, weil Du ja auch derjenige bist, der die Türe zu seinem eigenen Keller dann nicht mehr aufbekommt. Andere Leute in Deinem Haus haben seit acht Monaten ihre HiFi-Anlage im Hauptgang stehen und niemand sagt etwas. Sobald die aber weggeräumt ist und nur noch Deine Sachen da stehen, kommt jemand und beschwert sich. Ich habe natürlich noch keine Lust und keinen Platz, die Sachen wegzuräumen. Dann kommt der noch zwei bis drei Mal wieder und danach hat er die Sachen weggeworfen.
Austrade: Hast Du eine Idee, warum der das macht?
John Barrie Dyke: Weil er gestört ist.
Austrade: Das ist mir zu einfach.
John Barrie Dyke: Ja, das ist zu einfach. Der hat einen Zwang! Zwangsverhalten. Das wird geduldet bei denjenigen, die in seiner Clique sind. Aber sobald die ihre Sachen weggeräumt haben, sobald bei seinen Kumpels wieder Ordnung geschaffen ist, dann muss man dem Feindbild, also dem australischen Musiker, mal zeigen, was Ordnung ist!
Austrade: Ist das auch typisch deutsch?
John Barrie Dyke: Das gibt es! Natürlich gibt es das.
Austrade: Aber sowas gibt es auch in Australien?
John Barrie Dyke: Ja!
Austrade: Insgesamt wirkt das aber trotzdem so, als hättest Du viel mehr Verbesserungsvorschläge für Australien als für Deutschland. Jeder Deutsche, der aus einem Australien-Urlaub zurückkommt würde das vermutlich genau anders sehen.
John Barrie Dyke: Ja, dann kann er das auch ruhig so machen. Aber ich bin ja nicht hier im Urlaub, ich bin Deutsch.
Austrade: Wirklich?
John Barrie Dyke: Ich hab zwar keinen deutschen Pass, aber ich lasse mir auch nicht sagen, dass ich kein Deutscher bin. Für mich ist Heimat eine Frage von Geisteshaltung und Gefühl, kein Stück Papier oder eine Frage des Geburtsortes.
Austrade: Also hast Du nicht nur eine Heimat, sondern zwei?
John Barrie Dyke: Auf jeden Fall. Aber wenn ich lange genug in Tadschikistan bin, habe vielleicht auch drei. Ich bin so offen für den Ort, an dem ich gerade bin, dass ich mich auch dafür einsetzen will. Ich bin ein Weltbürger.
Austrade: Dadurch, dass Du schon seit weit mehr als einem Jahrzehnt in Deutschland lebst, ein Gespür dafür, wie sich die Gesellschaft ändert. Ist das jetzt noch das Deutschland, in das Du in den 90ern gekommen bist?
John Barrie Dyke: Nein. Ich bin damals nach West-Deutschland gezogen. Es war zwar schon nach dem Fall der Mauer, aber das Gefühl war immer noch West-Deutschland. Jetzt haben wir ein anderes Deutschland, auch ein toleranteres Deutschland. Wir jammern hier immer auf einem ganz hohen Niveau finde ich. Gerade, was die Musik angeht, ist die deutschsprachige Musik zum Glück wieder selbstbewusster geworden. Das ist eine schöne Sache. Aber wir haben harte Zeiten vor uns. Das Bildungssystem entwickelt sich in eine schlimme Richtung. Ich will nicht sagen, dass Amerika da ein gutes Beispiel ist. Aber man kann ja ruhig nach Kanada oder Skandinavien schauen. Deutschland ist eine Bildungsnation, aber wir müssen ganz schnell umdenken. Die 20% „von-den-anderen-Lerner“, die nicht robotermäßig ihr Zeug abarbeiten werden benachteiligt und das führt zu diesen Privatschul-Ghettos, die es in den angelsächsischen Ländern schon gibt und das finde ich furchtbar. Ich liebe Deutschland für seinen Mittelstand und die soziale Marktwirtschaft.
Austrade: Nun gibt es viele, die sagen, dass genau die Mittelschicht immer kleiner wird...
John Barrie Dyke: Ja, ich spüre das auch!
Austrade: Wie merkst Du das?
John Barrie Dyke: Ich spüre das. Das war die positive Seite der Wohlstandsgesellschaft. Das war ein Luxusproblem: Fahre ich drei Mal in Urlaub oder nur zwei Mal? Jetzt ist es so, dass die Menschen sagen ‚Urlaub lassen wir dieses Jahr ausfallen‘.
Austrade: Du bist schon in vielen Teilen der Welt gewesen. Als nächstes kommt eine kleine College-Tour durch die USA. Wieso gerade eine Tour durch Colleges?
John Barrie Dyke: Das hat zwei Gründe. Zum einen etwas ganz praktisches: Wenn ich in Colleges spiele und da auf Einladung auf einer kulturellen Ebene unterwegs bin, dann bin ich ja nicht im klassischen Sinne als kommerzieller Musiker unterwegs und muss kein Visum holen und so weiter. Der andere Grund ist, dass ich in dieser demographischen Schicht meine Musik schon gekauft haben oder zumindest im Radio gehört haben. „In Ordnung“ war teilweise auf Platz 1 bei einigen Sendern in den College-Charts, bei 15 anderen Stationen in Nordamerika war es in den Top 30. Komischerweise wissen die, wie ich da platziert werden muss. Du schaust Dir die Playlisten an und siehst Echo & The Bunnymen, Dyko und dann irgendetwas neues. Die wissen ganz genau, wo sie das einzuordnen haben.
Austrade: Daneben gehst Du auch in Schulen und lässt Schüler selber den Text zu Deiner Musik gestalten.
John Barrie Dyke: Ja, diese pädagogische Seite funktioniert so: Ich mache ein Konzert und danach gibt es Gespräch darüber, wieso ich überhaupt in Deutschland lebe, was ich an Deutschland gut finde und wir reden über die deutsche Sprache. Dann gibt es eine Vorlage von mir, ein Stück namens „Tanzen gehen“, das spielen wir für eine Stunde immer wieder vor. Die Teilnehmer haben in der Stunde die Möglichkeit, ihren eigenen Text auf Deutsch zu schreiben und das wird dann anschließend gesungen. Thema ist immer tanzen gehen, weggehen oder was man am Samstag so macht. Das kommen ganz tolle Ergebnisse bei heraus.
Austrade: Bei so vielen Projekten, die gleichzeitig laufen: Fällt es Dir manchmal schwer, Ordnung in Deine Projekte zu bringen?
John Barrie Dyke: Furchtbar! Ich mache ja alles selber. Ich liebe die deutsche Ordnung wahrscheinlich auch, weil ich selber ein Ordnungsproblem habe.
Austrade: Und wie schaffst Du es, dann trotzdem den Überblick zu behalten?
John Barrie Dyke: An manchen Tagen kriege ich die Ordnung zusammen, aber dann wieder nicht und dann sieht es chaotisch aus. Ich schreibe mir alles auf eine To-Do-List und setze Prioritäten. Aber ich brauche auf jeden Fall Hilfe. Ich habe jetzt einen eigenen Verlag, den Ordnungsamt Verlag, dann Ordnungsamt Records, Dyko, mache Booking, Management und Produktion. Aber auch das ist eine schöne Sache hier im deutschen Bildungssystem: Praktika! Ich hole mir von der Uni Mainz Praktikanten, die sehr gebildet sind. Die helfen mir an zwei bis drei Tagen pro Woche, sehr verantwortungsvolle Aufgaben zu lösen. So versuche ich, die Ordnung zu halten.
Austrade: Wird das auf Tour mit dem sortieren und Ordnung halten schwerer?
John Barrie Dyke: Das ist problemlos. Wir leben in dem wunderbaren Zeitalter des Internets. Ich kommuniziere über Skype und ähnliches. Generell weiß ich nicht, ob das so ein großer Vorteil für die Menschheit ist, weil diese Dinge letztendlich doch mehr überfordern, aber ich kann auf jeden Fall alles immer vom Laptop aus erledigen.
Austrade: Das heisst, es ist egal, wo Du bist?
John Barrie Dyke: Mehr oder weniger schon. Man fühlt sich natürlich anders, wenn man hier in Frankfurt bei Ordnungsamt Records sitzt, oder in Melbourne. Man kommt auch auf andere Ideen.
Austrade: Brauchst Du denn das Reisen um neue Ideen zu haben oder würden Dir die Ideen auch alle hier kommen?
John Barrie Dyke: Die Ideen würden überall entstehen, auch auf lange Sicht. Aber wenn ich in Australien bin habe ich eine neue Energie und eine neue Sicht auf Deutschland – und umgekehrt. Es ist also ganz wichtig zu reisen. So bin ich eigentlich aufgewachsen. Ich bin ein Immigrantenkind.
Austrade: Nach Deiner College-Tour durch die USA bist Du auf Tournee in Usbekistan und Tadschikistan. Was würde denn passieren, wenn Du dort auch Heimatgefühle entwickeln würdest?
John Barrie Dyke: Das passiert mir ständig! Ich fühle mich zum Beispiel immer sehr heimisch in skandinavischen Ländern oder in Wien. Auch in Asien fühle ich mich sehr wohl. Ich entwickele einen ganz schnellen Enthusiasmus für den Ort, an dem ich bin.
Austrade: Viele Menschen sprechen ja auch von ihrer Heimat, im Kleinen herunter gebrochen auf ihr Haus, als einen Ort der Sicherheit und Geborgenheit. Brauchst Du diese Sicherheit nicht?
John Barrie Dyke: Ich fühle mich überall sicher.
Austrade: Was im Umkehrschluss heißt, dass Heimat gar nicht so wichtig ist?
John Barrie Dyke: Ich finde schon, dass Heimat oder Heimatgefühle wichtig sind. Das ist letztendlich ein Referenzpunkt. Aber ich bin von meiner Erziehung her und von der Sozialisation her in einer Einwanderergesellschaft groß geworden. Ich habe aber Kumpels aus dem Dorf im Sauerland, in dem ich gelebt habe, die ihr Dorf nie verlassen werden. Das respektiere ich, das schätze ich und ich weiß, was man daran hat. Ich fühle mich als Weltbürger. Deutschland ist meine Wahlheimat. Australien auch.
Austrade: Haben denn Deine Kumpels in ihrem Dorf im Sauerland weniger vom Leben als Du?
John Barrie Dyke: Nein! Die sind genauso wertvoll, die haben auch ihre Beschäftigungen.
Austrade: Aber die sind offenbar nicht so neugierig darauf, andere Länder kennenzulernen?
John Barrie Dyke: Das stimmt. Die leisten einen anderen Beitrag zur Gesellschaft. Für mich ist der Klempner in Australien genauso ein Mensch wie ich. Ich bin ja nicht besser oder schlechter als der.
Austrade: Dann frage ich noch mal anders: Erlebt der weniger als Du?
John Barrie Dyke: Das kann schon sein. Ich schätze mich sehr glücklich, dass ich so einen Reichtum an Erlebnissen habe. Manchmal bin ich damit vielleicht etwas zu verwöhnt.
Austrade: Aber Deine Kumpels im Sauerland sind auch nicht unglücklich?
John Barrie Dyke: Naja, die meckern vielleicht schon. Das nervt die schon manchmal, immer denselben Job zu haben und so weiter. Aber die würden das nicht anders haben wollen.
Austrade: Was für eine Energie braucht man denn, um aus der Unzufriedenheit auch Änderungen entstehen zu lassen?
John Barrie Dyke: Mut vielleicht? Ich bin mutig, umtriebig und veränderungswillig.
Austrade: Wenn Du so veränderungswillig bist: Kann man dann mit Dir überhaupt eine stabile Beziehung führen?
John Barrie Dyke: Auf jeden Fall! Da verändert man anders. Ein konkretes Beispiel: Ich finde die zunehmende Spießigkeit im Banken-Milieu in Frankfurt mittlerweile nicht mehr so angenehm, deswegen ziehe ich nach Berlin. Oder: Ich trinke zum Beispiel seit drei Jahren keinen Alkohol mehr, weil ich merke, dass das für meinen Beruf nicht gut war. Für mein Privatleben sowieso nicht.
Austrade: War das schwer?
John Barrie Dyke: Nein, überhaupt nicht. Viel schwerer ist es, Kaffee aufzugeben. Oder Schokoladenkuchen.
Austrade: Lass uns zum Abschluss noch ein wenig über Deine nächsten Pläne reden. Wir wissen von der College-Tour durch die USA. Usbekistan und Tadschikistan kommen danach. Aber was planst Du an Veröffentlichungen?
John Barrie Dyke: Das neue Album und wahrscheinlich drei Single-Auskopplungen daraus. Es ist immer noch offen, mit welchem Produzenten und welchem Mixer ich das aufnehmen werde. Ich denke, es sind schon elf bis zwölf Titel bereit. Vier oder fünf davon brauchen noch etwas mehr Arbeit, die anderen sind mehr oder weniger fertig. Aber es ist wichtig, dass dieses Erlebnis, dieser Funke, mit dem richtigen Produzenten überspringt. Ich lasse mich da nicht unter Druck setzen, denn das wichtigste ist dabei das Resultat. Natürlich möchte ich das so schnell wie möglich haben. Aber wenn es nicht geht, dann geht es eben nicht. Auf organisatorischer und administrativer Ebene bin ich gerade auch Verleger geworden. Ich habe also nicht nur mein eigenes Label, sondern auch meinen eigenen Verlag. Ich sehe mich nicht mehr nur als Musiker, sondern fast schon als Lebenskünstler. Leben ist mittlerweile fast eine Kunstform geworden. Ich spreche ja auch über viele andere Sachen als nur über Musik. Es ist eine künstlerische Form, die ich lebe. Ich möchte das so ein bisschen mehr diskutieren, vor allen Dingen im Fernsehen. Hoffentlich nicht nur in Deutschland, sondern auch in Nordamerika, das wäre mir sehr wichtig.
Austrade: Deine Single heißt „In Ordnung“. Da stellt sich die letzte Frage von selber: Ist alles in Ordnung?
John Barrie Dyke: Nein. Aber es wird in Ordnung werden. Da bin ich zuversichtlich.
(Bernd Brüggemann)
Video: Dyko - 'Autobahn' mit Wolfang Flür
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